Schule




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Luxus Farbgestaltung?
Farbgestaltung an Schulen


Von Christiane Brune-Wiemer

Bei allen momentanen Diskussionen um Schule wird zu wenig auf die Bedürfnisse von Schülern und ihren Schulbauten geachtet. Unbestritten muß an den pädagogischen Bemühungen gearbeitet werden, aber gibt es darüber hinaus nicht auch andere Möglichkeiten, quasi als flankierende Maßnahmen?

Schule stellt sich außerhalb der gängigen Realität dar, einer Insel gleich. Man geht dort hin weil man muß, nicht weil man möchte. Dies ist ein entscheidender Einflußfaktor auf die Motivation seiner Nutzer. Was, wie, wodurch und womit könnte man hier Veränderung herbeiführen?

Blick auf den Schulbau
In der Regel haben unsere Schulbauten etwas kasernenähnliches: groß, oft unübersichtlich – Zweckbauten eben. Die Materialien sind auf günstige Preise, Langlebigkeit und Effizienz angelegt. Unser materialistisch geprägtes Gesellschaftsdenken spiegelt sich darin wieder. Diese Manifestierung ist schon schwer genug ertragbar für Erwachsene, für Kinder jedoch weitaus erdrückender. Sie prägt unbewußt die Lebens- und Entwicklungsmöglichkeit aller.

Schüler sind unabhängig von ihrem Lebensalter immer noch in Entwicklungsphasen und haben noch alle Möglichkeiten in sich. Neben der Wissensvermittlung will und soll Schule ihnen auch ein gewisses Maß an „sozialer Kompetenz“ mitgeben, an Lebensbejahung und Lebensfreude, an Phantasie und Kreativität. Daß dies mehr in einer ansprechenden, fürsorglichen Atmosphäre gelingen kann steht wohl außer Frage.

Farbe ist ein emotionalisierendes Gestaltungselement, das unsere Sinne anspricht und über das Unbewußte wirkt. Die Sinne werden dabei durch unsere Wahrnehmung aktiviert, sie sind Mittler zwischen der seelischen Komponente des Menschen und seiner Umwelt. Sie führen zu einer verbindenden Schwingung zwischen außen und innen, weltlich-realistisch, wie auf der menschlich-geistigen Ebene.

Neben einer rein ästhetisierenden Aussage beeinflußt die Farbgebung unser Wohlbefinden und kann Sicherheit und Geborgenheit vermitteln (nicht zu unterschätzen für junge Schüler!). Die Planungsentscheidungen müssen daher generell sehr sensibel getroffen werden und sollten auf Kenntnissen der Lebens- und Entwicklungsphasen der jeweiligen Nutzer, sprich Schüler, basieren. Hier reicht nicht ein Blick aus Erwachsenenperspektive mit der entsprechenden vagen Vorstellung von dem was Kindheit und Jugendlichkeit ausmacht.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben längst die psychologischen wie physiologischen Auswirkungen der Farbe auf den Menschen belegt – leider findet dies immer noch zuwenig Beachtung. Eine fundierte Farbgestaltung ist niemals plakativ oder oberflächlich ausgerichtet. Sie vermeidet willkürliche Buntheit und steht stets im Dienst des Menschen im Sinne einer humanen Umweltgestaltung .

Der heutige Mensch leidet mehr denn je an psychsomatischen Symptomen. Auch hier ist ein Zusammenhang mit Farbe, Farbgebung zu finden, der sich z.B. an visuell-ergonomischen Faktoren zeigt. Reizüberflutung oder -armut, Blendung und Reflexionen werden zu selten berücksichtigt und zu Gunsten eines gestalterischen Gesamteindruckes in Kauf genommen. Gerade für den Schulbau und die Auswirkungen auf seine Nutzer hat dies weitreichende Konsequenzen, die sich in Müdigkeit, Konzentrationsschwäche, Kopfschmerz etc. wiederfinden. Farbgestaltung kann hier ein gesundendes Element bringen. Sie beeinflußt somit positiv den Krankenstand der Nutzer.

Die „Broken-Window“-Theorie, nach der kleinere Vandalismus-Schäden zwangsläufig zu immer größeren Schäden führen, veranlaßte in den neunziger Jahren die Stadt New York dazu, rigoros auch kleinste Vandalismus-Schäden zu beseitigen. Die Folge war, daß nun ehemals „schlechte“ Viertel immens an Lebensqualität gewonnen haben, die Bewohner sich wohler fühlen, die Kriminalitätsrate gesunken ist – und weniger Geld für Instandsetzungsarbeiten benötigt wird. Daß sich dies Phänomen auf gestaltete Umwelt generell übertragen läßt, zeigen Untersuchungsergebnisse aus Europa. Vandalismus an und in Gebäuden, Graffitischmierereien und willkürliche Zerstörungen können durch Farbgestaltung minimiert werden. Eine neue Möglichkeit für den chronisch unterfinanzierten Schulsektor!

Farbgestaltung für Schulbauten ist also nicht Luxus, sondern verantwortungsvolle, kostengünstige Umweltgestaltung. Die anfänglichen Mehrkosten relativieren sich langfristig für den Schulträger, aber ebenso für unsere Gesellschaft insgesamt.

Erst das Zusammenspiel von Form, Farbe, Licht und Material bringt optimale Ergebnisse, die nur in Teamarbeit von Planern und Gestaltern erreicht werden können, und die die Nutzer direkt wie indirekt einbindet.

Hauptbetrachtungsfeld Schüler
Das Farbkonzept soll die Befindlichkeit der Schüler positiv beeinflussen und ihnen ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit vermitteln. Dies ist IHRE Schule, die sie sich aneignen, der sie sich zugehörig fühlen, zu der sie gerne kommen, die zu einem Begegnungsort, auch über die Schulzeit hinaus, werden kann.

Die Farbwahl steht in engem Zusammenhang mit ihrer Lebensphase, also ihren Bedürfnissen. Neben ästhetischen Gesichtspunkten sind insbesondere die psychologischen und visuell-ergonomischen Gesichtspunkte zu berücksichtigen. Die Anmutung sollte Konzentration und Zielstrebigkeit ermöglichen, und die persönliche Entwicklung durch Motivationssteigerung fördern.

Die Farbgebung sollte vitalisierend und harmonisierend ausfallen und Raum für eigene Kreativität lassen. Hierbei ist auch an die Möglichkeit eigenständiger Umsetzung und Ausführung unter fachmännischer Betreuung zu denken. Workshops und Projektwochen bieten hierzu einen optimalen Rahmen und Grundlage. Diese Form der Einbindung führt in aller Regel zum einem hohen Identifizierungsgrad – und womit man sich identifiziert, schützt und pflegt man auch.

Hauptbetrachtungsfeld Lehrer
Neben allen anderen Gestaltungsfaktoren soll die Farbgebung zu optimalen Arbeitsbedingungen führen. Auch für Lehrer gilt der Wohlfühl- und Aneignungscharakter, der sich in gesteigerter Motivation äußern kann.

Während die Klassenräume mehr den Bedürfnissen der Schüler entsprechen, sollte das Kollegium die volle Zuwendung insbesondere beim Lehrerzimmer erhalten. Die Anmutung muß zugleich eine gewisse Ruhe ausstrahlen, aber ebenso vitalisierende Atmosphäre vermitteln. Rückzugsmöglichkeit, ein gewisses Ordnungsprinzip und Teamarbeit sollen zu Strukturierung, Sammlung und neuer Energie führen.

Interne Besprechungsräume sowie für Elterngespräche, sollten eine offene und wohlwollende Gestaltung zeigen.

Eine Lehrerbibliothek hat Arbeits- und Konzentrationscharakter mit entsprechender sachlichen Aussage.

Hauptbetrachtungsfeld Verwaltung
Die Mitarbeiter der Verwaltung sind ein wesentliches Verbindungsglied zwischen Außen und Innen, was in der Gestaltung zum Ausdruck kommen muß. Neben dem Eingangsbereich entscheidet sich hier der Gesamteindruck von der Schulinstitution: positiv oder negativ.

Die Anmutung sollte den Charakter und die Philosophie bzw. Einstellung der Schule wiederspiegeln, bestenfalls also freundlich, verbindlich und offen wirken.

Für die Gestaltungsdetails gelten auch hier die Aspekte der Psychologie und visuellen Ergonomie zur Arbeitserleichterung und Motivierung.

Hauptbetrachtungsfeld Sanitärbereich
Hier im Verborgenen finden in der Regel die meisten Zerstörungen und Verschmierungen statt.

Die Farbwahl sollte Reinheit und Schönheit vermitteln, und damit eine gewisse Hemmschwelle bilden.

Hauptbetrachtungsfeld Sporthalle
Bewegung gehört heute zu den vernachlässigten Betätigungsfeldern der Kinder und Jugendlichen.

Die Anmutung sollte aktivierend wirken die Lust auf Bewegung fördern und dadurch „Schwänzen“ verhindern.

Humane Architektur ist gelebte Pädagogik.
Sie vermittelt soziale Kompetenz ebenso wie Wissenskompetenz und Willensstärke, denn sie nimmt den Menschen als Maß ihrer Entscheidungen. Farbgestaltung ist eine wesentliche Disziplin innerhalb humaner Architektur. Sie dokumentiert soziale Verantwortung, Kulturbewußtsein und seelische Fürsorge.


© Christiane Brune-Wiemer



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