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Luxus Farbgestaltung?
Farbgestaltung für Senioren


Von Christiane Brune-Wiemer

Die „Vergreisung“ unserer Gesellschaft muß an dieser Stelle nicht mehr thematisiert werden. Tatsache ist, daß „Alter“ in der Regel mit den Bildern verbunden wird, die uns die Medien gern präsentieren: „Jung geblieben“, „fit“, „interessiert und unternehmungslustig“. Tatsache ist aber auch, daß dieses Bild von der „50 plus-Generation“ Wunschdenken ist und unserer Sehnsucht nach Autonomie- und Individualitätserhalt sehr entgegen kommt.

In der Realität ist es jedoch so, daß die Bevölkerung immer älter wird und mit zunehmendem Alter der „jung-gebliebenen-Effekt“ nachläßt bzw. verschwindet. Hierfür müssen neue Lebensaspekte und Strategien entwickelt werden, die sich auch in gestalterischen Antworten wiederfinden sollten.

„Alter“ ist das Gesellschaftsthema für unser neues Jahrtausend. Es erfordert eine intensive Auseinandersetzung innerhalb unserer Gesellschaft, aber auch die ganz individuelle.

Blick auf das Alter
Das durchschnittliche Eintrittsalter in ein Alten- oder Pflegeheim liegt heute bei achtzig Jahren. Dies zeigt deutlich den Wunsch nach Erhalt der „eigenen vier Wände“ und des persönlichen Umfeldes. In der Regel wird die Entscheidung hierfür nicht freiwillig, sondern von den Angehörigen, eben der nachfolgenden Generation getroffen. Und dies meist zu einem Zeitpunkt, an dem keine andere Möglichkeit mehr gegeben ist und auch eine „altengerechte“ Umgestaltung des ursprünglichen Lebensraumes nicht mehr greift. Nicht selten ein bitterer Lebenseinschnitt für den Betroffenen.

Der Alterungsprozeß beginnt mit ca. vierzig Jahren und liegt, vereinfacht ausgedrückt, in dem wachsenden Mißverhältnis unseres Zellenauf- und abbaus. Eingeschränkte Körperbeweglichkeit, Veränderungen der Augenfunktionalität mit Sehbeeinträchtigung, minimierter Tast- und Hörsinn, Schwerfälligkeit der Bewegung und des Geistes sind nur einige der Auswirkungen. Sie bestimmen fortan das Leben und führen zu einem veränderten Körperbewußtsein. Körperliche Mängel und Krankheiten rücken unweigerlich in den Vordergrund.

Als Farbgestalter hat man es bei der Zielgruppe der Senioren zu allererst mit der Beeinträchtigung des Sehens zu tun. Für ältere Menschen besteht ein erhöhter Bedarf an Licht einerseits (auch mit Hinblick auf die Orientierungsfähigkeit), sowie an einem kontrastreichen (Farben-) Umfeld zur Förderung des gegenständlichen Wahrnehmens andererseits.

Das Alten- und Pflegeheim
Seien wir ehrlich: Niemand möchte dort seine letzte Lebenszeit verbringen. So hört man es zumindest bei Gesprächen immer wieder. Wir verbinden damit den Verlust unserer Würde, den Verlust von Achtung und des „Ernstgenommen-Werdens“.

Neben Assoziationen von Gebrechlichkeit, Leiden und Vereinsamung ist die Ablehnung wohl auch in den Charakteren der Einrichtungen zu finden. Sie erinnern uns nicht selten atmosphärisch an ein Krankenhaus, sowie an „Funktionalität“, „Abschiebung“ und „Isolation“. Ein Herausgerissen werden, sich neben dem wirklichen Leben wiederfinden. Wer will das schon?

Hier eine angemessene Anmutung, Ausstrahlung zu präsentieren ist die mittlerweile veränderte Aufgabe der Betreiber und ihrer Planer: zum Wohle der Nutzer, Mitarbeiter und Besucher, aber auch als ein wesentlicher Marketingfaktor der jeweiligen Einrichtung.

Hauptbetrachtungsfeld Gestaltung
Im Gegensatz zur Gestaltung von Senioren-Residenzen und Anlagen des Betreuten Wohnens, haben wir es bei Alten- und Pflegeheimen mit der „Generation 80-plus“ zu tun. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, ist es nötig und sinnvoll sich in diese „fremde“ Welt hineinzuversetzen.

Jede Einrichtung hat ihre individuellen Abläufe und Prägungen. Es empfiehlt sich, vor Planungsbeginn diese durch einen eigenen Aufenthalt mitzuerleben, zu „studieren“ und die gemachten Erfahrungen in die eigene Arbeit einfließen zu lassen. Je mehr Empathie in die Gestaltung fließt, desto größer die Chance, die Aufgabe wirklich zu erfüllen.

Inhaltliche Themengebiete der Gestaltung finden sich in der „Wohn-Charakteristik“, der Vermittlung von Wohlgefühl und damit einer größeren Akzeptanz der neuen Lebensumwelt, aber ebenso in der Erfüllung psychologischer, wie physiologischer Bedürfnisse der Senioren.

Es versteht sich von selbst, daß fundierte Kenntnisse der Gerontologie, sowie psychologische, ergonomische und soziologische Kenntnisse, unabdingbar sind. Eine intensive, zielorientierte Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten, also den Betreibern, ihren Mitarbeitern und allen Planern (auch Fachplanern) ist nicht nur wünschenswert, sondern unumgänglich.

Grundlagen der Gestaltung/Farbgestaltung
Für die Farbgestaltung bedeutet dies eine möglichst frühzeitige Einbindung in den gesamten Planungsprozeß, um die ausschlaggebenden Faktoren von Licht und Material mitzubestimmen. Die klimatischen und kulturellen Gegebenheiten gehören ebenso zu den Gestaltungsaspekten und müssen in den Gesamtzusammenhang gebracht werden.

Grundlage meiner Arbeit als Farbgestalter ist die Farbenpsychologie, ohne die, wie ich meine,kein befriedigendes Ergebnis erreicht werden kann. Farbgestaltung soll zu einer Hilfe im Alltag, zur „Therapie“ im Seelischen werden und führt in der Regel zu einer Veränderung der Lebenseinstellung. Farbe wird so zu einer Möglichkeit von humaner, menschenwürdiger Gestaltung mit dem nötigen Maß an Funktionalität. Ein durchgängiges Farb-Konzept ist in sich schlüssig und dokumentiert die Einheit der Einrichtung in ihrem äußeren und inneren Erscheinungsbild.

Hauptbetrachtungsfeld „Räume“
Für die Gestaltungstätigkeit ist die Funktion der Räume von Bedeutung: Handelt es sich um den Privatbereich, um Gemeinschaftsräume, öffentliche Flächen wie Flur- oder Eingangsbereich, den Sanitär- und Pflegezonen, dem Mitarbeiterraum etc.

In der Regel gilt für den von den Bewohnern genutzten Bereich (Privat wie Öffentlich), daß er einladend, freundlich, anregend und wohnlich anmutet, sowie Geborgenheit, Sicherheit und Geselligkeit vermittelt. Das dies eher mit einem „hellen“ Farbkanon zu erreichen ist, versteht sich von selbst.

Die Mitarbeiterzimmer bedürfen hingegen einer ausgesprochen vitalisierenden und zugleich harmonisierenden Farbgebung. Ihr Berufsalltag ist schwer genug, so daß der Arbeitgeber hier seine fürsorgliche Verantwortung zum Ausdruck bringen kann.

Die Farbgebung soll auch die Orientierung erleichtern und damit für ein zusätzliches Sicherheitsgefühl sorgen. Unterschiedliche Farbkennzeichnung kann zur „Markierung“ des persönlichen Bereiches eingesetzt werden, ebenso die Flure kennzeichnen oder die Funktion eines Raumes (Küche, Sanitär, Schwesternzimmer etc.).

Persönliche Anmerkungen
Eigene Erfahrungen haben mir gezeigt, daß vielfach aus vordergründig ökonomischen Überlegungen heraus, die Farbgestaltung von Mitarbeitern der Einrichtung selbst geplant wird, bestensfalls von den Architekten mit übernommen wird (dies gilt im verstärkten Maße vorallem auch für den Krankenhaus-Sektor). Hilfestellungen gibt es anhand von Fachliteratur, so z. B. des Kuratoriums Deutscher Altershilfe. Die Resultate sind sehr unterschiedlich zu bewerten.

Ich bin der Meinung, daß ein Zurückgreifen auf zusammengefaßte Farbvorgaben oder auf visuelle Veröffentlichungen, der eigentlichen Aufgabenstellung nicht gerecht wird und die persönliche „Gestaltungsphantasie“ (bewußt oder unbewußt) einschränkt. Auch habe ich z. B. zum Thema „Pastellvorliebe“ aus visuell-ergonomischen Überlegungen heraus meine Zweifel. Ich verzichte deshalb an dieser Stelle ganz bewußt auf detaillierte Farbaussagen.

Jede Aufgabenstellung bringt andere Gegebenheiten und Voraussetzungen mit sich, die nicht allein in der Architektur zu finden sind. Es sind vielmehr die Menschen, die diese Einrichtungen nutzen oder ihr Berufsleben dort verbringen. Sie sind der Ausgangspunkt für meine Arbeit. Sie brauchen individuelle Lösungen, trotz oder gerade wegen aller Gültigkeit der Farbenpsychologie.

Farbgestaltung ist eine wesentliche Disziplin innerhalb humaner Architektur. Sie dokumentiert soziale Verantwortung, Kulturbewußtsein und seelische Fürsorge.

Farbgestaltung für Senioren tut dies für einen Personenkreis, der uns erstmal relativ unbekannt ist- dem wir in absehbarer Zeit aber auch angehören werden. Humane Gestaltung kann deshalb nur in jedermanns Interesse liegen. Die Frage nach dem „Luxusfaktor“ erübrigt sich schon allein dadurch.



© Christiane Brune-Wiemer



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